Das Kulturmagazin 'Outback' über:
"Pipapo und nicht BlaBla"
Outback-Ausgabe 3, Februar 2005
Das Kellertheater in Bensheim ist das
einzige Schauspiel-Ensemble der Stadt
So muss ein Kellertheater sein: über eine steile
Eingangstreppe geht es hinunter in ein behagliches
Gewölbe. Abgang in eine andere Welt aus der man
nur über den steilen Aufgang wieder entkommt.
Beim Pipapo-Kellertheater in Bensheim muss man
beim Ankommen am Treppenende aufpassen, nicht
dem Techniker in den Rücken oder gleich auf dessen
Regiepult zu fallen. Urige Gewölbeatmosphäre, sehr
eng beieinander stehende Tischgruppen für rund 70 Gäste,
eine zentrale und einladende Theke. Die Lichttechnik
wird nicht schamhaft verborgen, sie gehört zur Grundstimmung
im Pipapo - hier wird Theater gemacht und Technik
gerne gezeigt.
Selbstbewusst bezeichnet Pipapo-Chef Jürgen Rehm das
Theater als "das Bensheimer Schauspiel". Das kann er
so nennen, weil das "Parktheater", Bensheims andere Bühne,
lediglich Gastspiele aufführt. Die Pipapo-Crew ist damit
in der Tat das einzige Bensheimer Ensemble.
Ohne Gastspiele kommt freilich auch das Kellertheater nicht
aus. Kabarett, Konzerte, Lesungen und Gastspiele von Schülertheatern
gehören dazu. Rehm, im Hauptberuf Lehrer, leitet die Theatergruppe
des Bensheimer Goethe-Gymnasiums. Synergieeffekte bleiben da nicht aus.
Mancher Ex-Goethe-Schüler gehört zum Pipapo-Ensemble.
Der Theatervirus ist langlebig.
Das Pipapo besteht aus rund 20 Aktiven. Und wagt sich mit seinen zwei
Eigenproduktionen - eines davon ist ein Stück des seit zehn Jahren
bestehenden Pipapo-Kindertheaters - auch an schwere Inhalte heran.
Rehm stellt nicht ohne eine kleine Frustration fest, dass es dann
letztlich immer wieder die lustigen und leichten Stücke sind, die
das Publikum anziehen "Stücke die nicht versprechen, ausschließlich
erheiternd zu sein, bringen eine gewisse Zurückhaltung beim
Publikumsinteresse mit sich". Zuletzt war das beim Auftritt der
renommierten "Bremer Shakespeare Kompanie" so. Schwere Kost ohne Lacher,
mit - wie Rehm es nennt - "weiterführendem Anspruch". Aber eben
Zurückhaltung beim Kartenverkauf. Mithin die Bredouille eines jeden
Laientheaters, sei auch dessen schauspielerischer Anspruch hoch. Seichte
Unterhaltung auf allen TV-Kanälen und auf vielen Kommerzbühnen hat sich
für den Großteil des Publikums eben auch in den unkonventionellen
Theaterkellern fortzusetzen.
Leichte Kost ist also gefragt, die das Pipapo eben auch liefert.
"Gemischt mit Anspruchsvollem", sagt Rehm. "Dennoch bleibt
unser Grundanspruch", betont er. Nichts Zotiges, keine Comedy
"alles was platt und plump ist, kommt bei uns nicht auf die Bühne".
Das die dennoch regelmäßig voll ist, dafür braucht die Pipapo-Mannschaft
nicht viel zu tun. "Wir erhalten pro Woche mehrere Anfragen und Angebote,
von Künstlern, die bei uns auftreten möchten. Aus denen wählen wir dann
aus".
Wie der Theaterverein zu seinem Namen kann ist nicht verbrieft. Vielleicht
war "Pipapo" einst ein rhetorischer Befreiungsschlag oder gepresster
Frustausstoß in der Runde der Namenssuchenden. "Pipapo" ist immerhin
kein "Blablabla".
Beheimatet ist das Theater im Wambolter Hof, einem ehemaligen Adelshof,
inmitten Bensheims, am viel zu modernen und unsäglich beliebigen Neumarkt.
Die Stadt unterstützt das Theater, die Pacht hält sich nach Angaben der
Pipapo-Kassenwartin Traudl Billig in Grenzen. Geld vom Land gab es einst
auch schon, inzwischen aber längst nicht mehr. Und auch die Gelder von der
Stadt werden weniger; immerhin gibt es einen Förderverein, der sich der
Unterstützung des Pipapo widmet. "Der ist immens wichtig für uns. Ohne ihn
ginge es gar nicht", sagt Rehm. Genauso wie das gute Fundament des
Kellertheaters. Die Technik ist auf Vordermann und relativ neu, größere
Anschaffungen stehen nicht auf der Wunschliste. "Weniger Nebenkosten,
eine Innenrenovierung und eine neue Theke", gibt Billig Einblick in das
Lastenheft "Alles auf die nächsten drei bis fünf Jahre verteilt".
Traudl Billig kam zunächst als Zuschauerin ins Pipapo. 2004 hörte sie,
dass der Vorstand des Theatervereins die Segel streichen will, die
Pipapo-Zukunft damit auf der Kippe stand. "Das kann nicht sein, das darf
nicht sein. Da musst Du was tun", sprach Billig zu sich und legte los.
Mit ihr und dem neuen Vorsitzenden Jürgen Rehm kam neuer Wind in den Verein.
Und von dem haben demnächst auch die rund 40 Mitglieder etwas, was sie
bisher noch nicht haben: Ermäßigungen und Vorkaufsrechte bei den Eintrittkarten.
"Bisher hat ein Mitglied, das nicht zum Ensemble gehört, ja keine wirklichen
Vorteile von seiner Mitgliedschaft. Das wollen wir noch in diesem Jahr ändern."
Erhoffter Nebeneffekt: Mitgliederzuwachs.
Hervorgegangen ist das Pipapo aus den "Erdferkeln", einer Theatergruppe,
die sich vor rund 20 Jahren in Bensheim gründete und sich nach nur kurzer
Zeit Ende der Achtziger wieder auflöste. Aus einem Teil der "Erdferkel"
entstand 1989 das Pipapo-Kellertheater. Der Theaterkeller war zuvor eigens
für die "Erdferkel" im Wambolter Hof ausgebaut worden.
Heute kommt der Keller überaus freundlich daher. Kleinkunstambiente pur, mit
wechselnden Bilder-ausstellungen von Künstlern aus der Region an den Wänden.
Alles hübsch in Szene geleuchtet und akzentuiert. Kein Nebenbei-Effekt,
sondern eine wohltuend bewusste Präsentation. Kunst passiert im Pipapo eben
nicht nur auf der Bühne.