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Bensheim.
Verkehrte Welt im Land der Märchen und Sagen:
die Jungfrau ist ein Mann, der Ritter eine Frau,
der Gärtner ein Ritter. Nichts ist so, wie es
sein sollte. Sämtliche Klischees aus Ritterbüchern
passten nicht mehr. Das war selbst dem Drachen,
der die Menschen eigentlich das Fürchten lehren
sollte, zuviel. Frustriert zog er von dannen.
Mit der Eigeninszenierung von "Der Drache und
der Zauber-Efeu" des Tschechen Jiri Lechner verlässt
das PiPaPo-Kellertheater im Bereich Kindertheater den
Boden der klassischen Märchen mit ihrer gelegentlich
rissigen bis heilen Welt. Die Premiere am Donnerstag
machte deutlich, dass sich das junge Publikum mit
den Konventionen des Genres bestens auskennt. Die
Mädchen und Jungen hatten ihre helle Freude an dem
doppelbödigen und zugleich urkomischen Ritterspiel.
Verbindung zu Nibelungen
Die Story kennt zwei Handlungsebenen: zum Einen
das Hier und Jetzt mit einen Touristen, der in einem
Reiseführer blättert und sich über die Bedeutung der
Burg Rabenstein informieren will. Zum Anderen das
tiefe Mittelalter, in dem sich Spektakel wie die
Nibelungensage abspielten. Das Stück weist gerade
zu den Nibelungen zahlreiche Querverbindungen auf:
Auch auf der PiPaPo-Bühne dreht sich alles um
einen Drachen, der besiegt werden soll. Allerdings
nicht mit Muskelkraft, sondern friedlich und listig.
Auch ist dieser Drache kein mordendes Monster, sondern
eher das Gegenteil. Selbst wenn er Menschenopfer
fordert und kräftig Rauchschwaden über die Bühne pustet,
nimmt ihm kein Mensch das Bedrohliche ab. Schon sein
Outfit wirft Zweifel auf: Der Drache ist in goldenes
Knisterpapier gekleidet, von dem die Beleuchtung
wunderbar reflektiert wird.
Die Bühne wird auch sonst von Sonderlingen
bevölkert. Frau Kunigunde, ein Hardliner in Sachen
Rittertum, will ihren verweichlichten Sohn zu einem
Machtfaktor hochpäppeln. Sie ist die einzige, die
stolz und mit erhobenem Haupt die Fahne der Ritter
schwenkt. Ganz anders ihr Sohn Kunz, der Mann mit
Strohhut, Gartenschürze und Gießkanne. Er könnte
Hauptdarsteller eines Werbespots für Düngemittel
sein. Sein Hauptinteresse gilt Blumen, an Efeu hat
er einen Narren gefressen.
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Ein Stück für kleine und große Zuschauer: Das "PiPaPo"-Kindertheater im Wambolter Hof hatte zur Premiere von
"Der Drache und der Zauber-Efeu"
eingeladen.
df/Bild: Funck
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Die Zuschauer wurden zu Augenzeugen, als die Pflanze
innerhalb von Minuten im Schlangentempo die Burgwand
emporkletterte. Ein Zauberspruch und viel Wasser
reichten aus, um das Wachstum noch einmal kräftig
zu beschleunigen. Die ritterliche Mutter-Sohn-Beziehung
findet ihr Pendant im Dorfschulzen und seiner Tochter.
Auch diese zwei Antitypen durchbrechen die Klischees
auf witzige und liebenswerte Weise.
Von Kirche, Küche und Kind hält die junge Dame
rein gar nichts. Stattdessen frönt sie dem Abenteurer-
und Draufgängertum. Mit einem Säbel stellt sie sich vor
dem Drachen auf, um ihm, wie einst Siegfried, den
tödlichen Stoß zu versetzen. Das ungleiche Vater-Tochter-Paar
ist eine stete Quelle für zeitlosen Humor.
Der Tourist Kaspar erweist sich als extrem wand-
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lungsfähig. Er schlüpft gleich in mehrere Rollen: erst ist er
Kaspar Müller, der Reiselustige, dann Kaspar Larifari, der
Hofnarr, dann die Jungfrau mit den blonden Zöpfen, mit der man
den Drachen friedlich stimmen will. Vor allem als Jungfrau
wusste er zu gefallen. Mit seinem lieblich-holden Stimmchen
hätte er das feuerspeiende Ungeheuer fast bezirzt. Das Personal
begeisterte die jungen und älteren Zuschauer ebenso wie
das Bühnenbild.
Höhepunkt war zweifellos eine Szene im Wald, bei der die
Theatermacher mittels eines bemalten Tuchs mit Schatteneffekten
arbeiteten. Aufwändig auch die Gestaltung des Ortes: Auf der
einen Seite die steinerne Burg, auf der anderen das Fachwerkhaus
des Dorfschulzen. Einerseits distanziert sich die Inszenierung
mit ihrem Ulk und Schabernack vom Mittelalter,
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andererseits kann man die Zeit vor allem
aufgrund des Bühnenbildes sehr gut nach-
empfinden.
Vor diesem Hintergrund entfachten die
Schauspieler ein wahres Feuerwerk der Spiel-
freude und bescherten den Zuschauern ein mit-
reißendes Theatererlebnis.
Die Mitwirkenden
Es spielten: Ulrich Roth (Kaspar Müller/Larifari),
Martin Knittel (Ritter Kunz), Cecilia Kecskeméthy (Frau Kunigunde),
Rainald Methlow (Dorfschulze Klotz), Katharina Schröder bzw. Cosima
Schuster (Eva, Tochter des Dorfschulzen) und Hans Viktor Kohnle als
Drache. Für das Bühnenbild und die Technik sorgte Carlo Moldenhauer.
Inszenierung: Dr. Jürgen Rehm.
moni
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