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       Bergsträßer Anzeiger,  Ausgabe für Samstag,  18. November 2006               Zurück zur Pressestimmen-Übersicht

Drache auf "Rabenstein" ist kein mordendes Monster
KINDER-THEATER: Eigeninszenierung mit Zauber-Efeu, Mann als Jungfrau, Frau als Ritter - und einem Ritter als Gärtner

Bensheim.  Verkehrte Welt im Land der Märchen und Sagen: die Jungfrau ist ein Mann, der Ritter eine Frau, der Gärtner ein Ritter. Nichts ist so, wie es sein sollte. Sämtliche Klischees aus Ritterbüchern passten nicht mehr. Das war selbst dem Drachen, der die Menschen eigentlich das Fürchten lehren sollte, zuviel. Frustriert zog er von dannen.
 Mit der Eigeninszenierung von "Der Drache und der Zauber-Efeu" des Tschechen Jiri Lechner verlässt das PiPaPo-Kellertheater im Bereich Kindertheater den Boden der klassischen Märchen mit ihrer gelegentlich rissigen bis heilen Welt. Die Premiere am Donnerstag machte deutlich, dass sich das junge Publikum mit den Konventionen des Genres bestens auskennt. Die Mädchen und Jungen hatten ihre helle Freude an dem doppelbödigen und zugleich urkomischen Ritterspiel.

Verbindung zu Nibelungen

 Die Story kennt zwei Handlungsebenen: zum Einen das Hier und Jetzt mit einen Touristen, der in einem Reiseführer blättert und sich über die Bedeutung der Burg Rabenstein informieren will. Zum Anderen das tiefe Mittelalter, in dem sich Spektakel wie die Nibelungensage abspielten. Das Stück weist gerade zu den Nibelungen zahlreiche Querverbindungen auf:
 Auch auf der PiPaPo-Bühne dreht sich alles um einen Drachen, der besiegt werden soll. Allerdings nicht mit Muskelkraft, sondern friedlich und listig. Auch ist dieser Drache kein mordendes Monster, sondern eher das Gegenteil. Selbst wenn er Menschenopfer fordert und kräftig Rauchschwaden über die Bühne pustet, nimmt ihm kein Mensch das Bedrohliche ab. Schon sein Outfit wirft Zweifel auf: Der Drache ist in goldenes Knisterpapier gekleidet, von dem die Beleuchtung wunderbar reflektiert wird.
 Die Bühne wird auch sonst von Sonderlingen bevölkert. Frau Kunigunde, ein Hardliner in Sachen Rittertum, will ihren verweichlichten Sohn zu einem Machtfaktor hochpäppeln. Sie ist die einzige, die stolz und mit erhobenem Haupt die Fahne der Ritter schwenkt. Ganz anders ihr Sohn Kunz, der Mann mit Strohhut, Gartenschürze und Gießkanne. Er könnte Hauptdarsteller eines Werbespots für Düngemittel sein. Sein Hauptinteresse gilt Blumen, an Efeu hat er einen Narren gefressen.


     Ein Stück für kleine und große Zuschauer:  Das "PiPaPo"-Kindertheater  im  Wambolter  Hof  hatte  zur  Premiere  von "Der Drache und der Zauber-Efeu"
     eingeladen.                                                                                                                                                                                                                                              df/Bild: Funck

Die Zuschauer wurden zu Augenzeugen, als die Pflanze innerhalb von Minuten im Schlangentempo die Burgwand emporkletterte. Ein Zauberspruch und viel Wasser reichten aus, um das Wachstum noch einmal kräftig zu beschleunigen. Die ritterliche Mutter-Sohn-Beziehung findet ihr Pendant im Dorfschulzen und seiner Tochter. Auch diese zwei Antitypen durchbrechen die Klischees auf witzige und liebenswerte Weise.
 Von Kirche, Küche und Kind hält die junge Dame rein gar nichts. Stattdessen frönt sie dem Abenteurer- und Draufgängertum. Mit einem Säbel stellt sie sich vor dem Drachen auf, um ihm, wie einst Siegfried, den tödlichen Stoß zu versetzen. Das ungleiche Vater-Tochter-Paar ist eine stete Quelle für zeitlosen Humor.
 Der Tourist Kaspar erweist sich als extrem wand-

lungsfähig. Er schlüpft gleich in mehrere Rollen: erst ist er Kaspar Müller, der Reiselustige, dann Kaspar Larifari, der Hofnarr, dann die Jungfrau mit den blonden Zöpfen, mit der man den Drachen friedlich stimmen will. Vor allem als Jungfrau wusste er zu gefallen. Mit seinem lieblich-holden Stimmchen hätte er das feuerspeiende Ungeheuer fast bezirzt. Das Personal begeisterte die jungen und älteren Zuschauer ebenso wie das Bühnenbild.
 Höhepunkt war zweifellos eine Szene im Wald, bei der die Theatermacher mittels eines bemalten Tuchs mit Schatteneffekten arbeiteten. Aufwändig auch die Gestaltung des Ortes: Auf der einen Seite die steinerne Burg, auf der anderen das Fachwerkhaus des Dorfschulzen. Einerseits distanziert sich die Inszenierung mit  ihrem  Ulk  und  Schabernack  vom  Mittelalter,

andererseits kann man die Zeit vor allem aufgrund des Bühnenbildes sehr gut nach- empfinden.
 Vor diesem Hintergrund entfachten die Schauspieler ein wahres Feuerwerk der Spiel- freude und bescherten den Zuschauern ein mit- reißendes Theatererlebnis.

Die Mitwirkenden

 Es spielten: Ulrich Roth (Kaspar Müller/Larifari), Martin Knittel (Ritter Kunz), Cecilia Kecskeméthy (Frau Kunigunde), Rainald Methlow (Dorfschulze Klotz), Katharina Schröder bzw. Cosima Schuster (Eva, Tochter des Dorfschulzen) und Hans Viktor Kohnle als Drache. Für das Bühnenbild und die Technik sorgte Carlo Moldenhauer. Inszenierung: Dr. Jürgen Rehm.                                               moni