Pressestimme zur Premiere:
"Ganz unter uns"
Bergsträßer Anzeiger, 26. Juni 2004
Ein Spaziergang auf Messers Schneide
Premiere der PiPaPo-Eigenproduktion: "Ganz unter uns" / Brillante Leistungen der Schauspieler.
Bensheim.
Es ist ein Spaziergang auf Messers Schneide, ein Balanceakt zwischen Normalität
und Wahnsinn, der viel fordert. Während sich die Akteure in der PiPaPo-Eigenproduktion
"Ganz unter uns" mit brillanten Leistungen aus der Affäre ziehen, tastet sich das
Publikum an einem Stück entlang, das zugleich beklemmend und tiefgründig,
rabenschwarz-komisch und realitätsnah ist.
Der britische Erfolgsautor Alan Ayckbourn packt die eher dunklen Seiten der
zwischenmenschlichen Beziehungen in die bitterböse Farce "Just between ourselves" (1975)
und torpediert die zerrütteten Gefühlswelten mit einer entlarvenden Situationskomik.
Regisseur Dr. Jürgen Rehm hat sich an die bitterböse Farce herangewagt und spannende
zwei Stunden inszeniert. Für Menschen, die den Blick in den Abgrund nicht scheuen
und dabei ihre Komik nicht verlieren, ein wahrer Hochgenuss, den das Premierenpublikum
am Donnerstag erlebte.
Der Autor hält dem Publikum schonungslos den Spiegel vor. Seine Figuren sind
Durchschnittstypen, Menschen wie du und ich: Frauen und Männer um die 40, die
in leidlichem Wohlstand leben, und sich mit ihrem Alltag offenbar arrangiert haben.
Es sind stimmige Portraits, die erst auf den zweiten Blick betroffen und nachdenklich
machen.
Das Stück spielt in weiten Teilen in einer Autogarage.
Hier verkriecht sich Dennis - eine Rolle wie Maßgeschneidert für Matthias Lorenz -,
der seinen kleinen Reparatur- und Bastelarbeiten nachgeht, die meist in einem
Fiasko enden. Dennis ist nicht nur eine graue Maus, er weiß sich auch in Szene
zu setzen. Er ist eloquent, kann überzeugen, hat bei Bedarf immer ein Lächeln parat.
Doch unter der glatten Fassade brodelt und kocht es. Seine Frau Vera macht er auch
vor Fremden schon mal zur Schnecke, wenn ihr das Porzellan zu Boden fällt und zerbricht.
Vera leidet ihrerseits unter der Last der ständigen Attacken.
Anette Fischer mimt sie als wandelnden Dampfkessel - stets unter Hochdruck,
hypernervös, ohne eigene Identität. Alles was sie sagt, erhält den Nachsatz:
"Das hat Dennis auch gesagt." Der Mann gibt den Ton an.
Als Vera ihn verzweifelt um Hilfe bittet, weil sie mit der Schwiegermutter
nicht klarkommt, versteht er die Welt nicht mehr und rät ihr zu einem
versöhnlichen Lachen.
Während sich Dennis in sich zurückzieht, flüchtet
Vera in eine Depression. Absolut beeindruckend, wie Anette Fischer diese
lebende Tote spielt. Es geht regelrecht unter die Haut, wenn sie nur noch
stumpf und mit heruntergezogenen Mundwinkeln dasitzt, in eine dicke Decke gehüllt,
in die Ferne blickend. Um sie herum tobt unterdessen ein ausgelassenes Fest:
Man feiert ihren Geburtstag.
In dem Beziehungsdesaster mischt Dennis Mutter kräftig mit.
Sie versucht mit allen Mitteln, die Mutter-Sohn-Beziehung zu zementieren
und ihre Schwiegertochter ins Abseits zu manövrieren. Das gelingt ihr auch.
Tanja Weber zeigt, wie dieser Hausdrache vom Typ böse Schwiegermutter andere
kleinkocht und triumphiert. Als Vera endlich krank ist, kürt sich der Drache
zum Küchenchef und serviert dem kindsköpfigen Filius leckere Menüs.
In einem ähnlichen Beziehungs-Trümmerhaufen hausen Pam und Neil. Hier ist es Pam
- alias Bettina Kügler -, die dominiert. Von ihrem hypochondrischen Gatten hat
sie schon lange die Nase voll. Doch ihre Ausbruchsversuche enden kläglich und
reichen gerade mal bis zum nächsten Alkohol-Exzess. Neil (Jan Hauptmann) reagiert
auf Stress psychosomatisch. Ihn plagen Magenbeschwerden, doch der Arzt kann nichts finden.
Weil nicht sein darf, was nicht sein kann, geht er davon aus, dass ihm die Ärzte
die Wahrheit über das wahre Ausmaß seiner Erkrankung verschweigen.
Das alles klingt düster und reichlich ausweglos und wäre wohl nur schwer zu ertragen,
wenn da nicht auch noch jener grinsende Ayckbourn wäre, der die gespenstisch-groteske
Szenerie sehr behutsam in eine satirische Hülle verpackt und einiges Mitgefühl für
seine Bühnenkreaturen durchblicken läßt. Der Spuk wird so streckenweise zu einem
prickelnden Vergnügen: Aus dem zufälligen Aufeinandertreffen der beiden Paare
entwickeln sich Freundschaften, komische Varianten der bereits existierenden Beziehungen.
Einerseits stecken Neil und Dennis, andererseits Pam und Vera unter einer Decke.
Das dynamisiert die Kommunikation. Neil wagt es einmal sogar, mit Dennis ernsthaft
über die "Beziehungskrise" mit Pam zu sprechen, stößt jedoch auf Granit.
Zwei Elemente des Stückes werden im Laufe der Bühnenzeit besonders wichtig.
Zum einen das selbst gebaute grüne Auto in der Garage, das verkauft werden soll,
sich aber nicht verkaufen lässt und schließlich beide Paare zusammenführt.
Wie ein memento mori oder - je nach Sichtweise - ein Hoffnungsschimmer thront
die Trash-Limousine auf der Bühne. Keiner fährt sie.
Ein weiteres prägendes Element, das fast das Kaliber eines Running Gags hat,
sind die Geburtstagsfeiern. Sie sind die Plattform, auf der die "Friede, Freude,
Eierkuchen"-Mentalität am stärksten glänzt, sie sind aber auch die Zündschnur,
die das Pulverfass aus Konflikten, Rachegelüsten und Gemeinheiten zur Explosion bringt.
Ein spannender Stoff, eine bis zur letzten Sekunde spannende Inszenierung,
bei der für das Bühnenbild Carlo Moldenhauer und für die Technik
Udo Hartmann verantwortlich zeichnen.
moni