Der "Bergsträßer Anzeiger" über die Schauspiel-Premiere im September 2009:
"Die Benachrichtigung"
Bürokraten beherrschen die Welt
BENSHEIM.
Der Jargon von Behörden und Bürokraten ist mitunter schwer zu verstehen, nicht
selten komplett unverständlich. Wenn man, wie manche Schriftsteller es vermögen,
ein wenig an den abstrusen Wort-Ungetümen feilt und sie auf die Spitze treibt,
gleitet die Sprache schnell ins Absurd-Groteske ab.
Der Schriftsteller Vaclav Havel, der später tschechischer Ministerpräsident wurde,
reißt in seiner dramatischen Satire "Die Benachrichtigung" die Tür zu den Amtsstuben weit auf.
Schillernde Figuren
Am Donnerstagabend hatte die Eigenproduktion "Die Benachrichtigung" im
PiPaPo-Theater Premiere. Es war ein Abend mit Darstellern, die den Figuren
schillernd-markante Züge und viel komisches Charisma verliehen. Neben der
politischen Satire kam auch der menschliche Faktor nicht zu kurz: Die Inszenierung
vermittelt bei aller Überzeichnung immer auch inhaltliche Tiefe.
Die Entfremdung in einer von Bürokraten dominierten Welt wird ebenso spürbar wie
das Leiden unter einem totalitären Staat, der die Menschen demütigt, drangsaliert
und zum Rückzug in die Privatsphäre zwingt.
Das Premierenpublikum war von der
behutsamen, zugleich aber lebendigen und kurzweiligen Inszenierung hellauf begeistert.
"Die Benachrichtigung" spielt in Büroräumen nirgendwo und überall. Die Mitarbeiter
haben die höchste Stufe des Beamtentums erreicht und sich komplett verselbstständigt:
Über den Kopf des Direktors hinweg führt sein Stellvertreter die neue Amtssprache
"Ptydepe" ein, die die Kommunikation innerhalb des Apparats rationalisieren soll.
Zunächst ist Direktor Josef Gross empört. Er weigert sich das komplexe Beamten-Esperanto
abzusegnen, wird jedoch das Opfer einer Intrige seines Stellvertreters Jan Balas.
Matthias Lorenz zeigt als Amtsdirektor Josef Gross sehr schön, wie ein unbescholtener
Mann trotz oder wegen seiner guten Absichten nach und nach isoliert, zermürbt und
schließlich vom System ausgespuckt wird. Am Schluss resigniert Gross. Er ordnet die
Einführung der Neusprache nachträglich an und wird gefeuert.
Jetzt hat Balas freie Bahn. Als sich jedoch herausstellt, dass die Sprache nicht
funktioniert, gerät der neue Chef selbst unter Beschuss. Er tritt den Rückzug an,
überlässt Gross wieder den Direktorensessel und sichert sich gleichzeitig den
Posten als Stellvertreter.
Arrogant und korrekt
Fritjof Hajunga spielt Balas als Haudegen - korrekt, arrogant, militärisch-geradlinig
und hinkend. Anfangs wendet er sich mit Kleinigkeiten an seinen Chef, nach und nach
entwickelt er sich zum Drahtzieher von Intrigen. Charakteristisch für Jan Balas ist
außerdem, dass er ständig von einer Art stummen Diener umgeben ist.
Dieser Vaclav Kubsch (Hans-Viktor Kohnle) folgt ihm auf Schritt und Tritt. Er agiert
wie eine Marionette - er nickt, wenn er zustimmen soll und schüttelt den Kopf, wenn
er ablehnen soll. Auch er ist ein idealer Sündenbock. Weitere Figuren sind Jan Morat
(Carlo Moldenhauer), Leiter der Übersetzungszentrale, ein Fachmann mit viel Sinn für gutes Essen.
Strenger Lehrer
Martin Knittel brillierte als Wissenschaftler und strenger Lehrer, der das Beamten-Esperanto
perfekt beherrscht und unterrichtet. Fit in der Neusprache ist auch Helene (Carolin Banasek-Richter),
die den Titel "Vorsitzende" trägt.
Was oder wem sie vorsitzt, bleibt unklar. Titel, so zeigt sich, sind in dieser
Beamtenwelt die einzig sinntragenden und sinngebenden Attribute. Die Sekretärin
Marie (Carolin Schreiber), die mitunter einen Anflug von Kritik äußert, schickt
sie Artischocken und Kaviar holen.
Bei Sekretärin Hanna (Anette Fischer) gehört der Griff in den Schminkkoffer zum
allmorgendlichen Ritual. Sie ist ständig im Amt unterwegs, kauft Milch und Brötchen
oder geht zu Tisch. Lukas Ritter mimt einen Schüler und Beamten, wie er im Buche steht:
Er lernt brav und beflissen die neue Amtssprache und trägt aktiv dazu bei, dass das
Bespitzelungs- und Überwachungssystem funktionieren kann.
Für Bühne und technische Einrichtung war Carlo Moldenhauer zuständig, für die Technik
Guido Frantz und Joscha Schellenschläger. Regie führten Dr. Jürgen Rehm, als
Regieassistentin fungierte Angela Galvano.
moni