| Vorstellungskalender | Kindertheater | Schauspiel | Gastspiele | Vorverkauf | So finden Sie uns | Wir über uns | Pressestimmen |
14 BERGSTRÄSSER
ANZEIGER
     BA
      BENSHEIM Freitag
28. OKTOBER 2011
    PiPaPo:  Neue Eigenproduktion "Jakes Frauen" feierte am Donnerstagabend Premiere               Zurück zur Pressestimmen-Übersicht

 Wettstreit zwischen Realität und Fiktion

Bensheim.  Sieben Frauen und ein Mann stehen auf der Bühne des PiPaPo-Kellertheaters. Der Titel des Stücks, "Jakes Frauen", könnte darauf hindeuten, dass ein Casanova die Fäden zieht, dem die Frauen zu Füßen liegen. Nicht so in dem Zweiakter des Amerikaners Neil Simon. Der Protagonist erinnert eher an eine Woody-Allen-Figur: schwermütig, melancholisch, intellektuell, innerlich dissonant und wenig ausbalanciert. Er gleitet peu à peu ab in eine imaginäre Welt, in der er von Fantasiegeschöpfen beherrscht wird.
    Die neue Eigenproduktion, mit der das Pipapo die 22. Saison eröffnete, hatte am Donnerstag Premiere. Unter der Regie von Dr. Jürgen Rehm gelang den Darstellern ein äußerst unterhaltsamer, komischer und zugleich nachdenklich stimmender Balanceakt, bei dem so manchem Zuschauer das Lachen im Halse stecken blieb.
    Weiße Postermöbel und gläserne Tische zieren das Wohnzimmer. Das Ambiente lässt auf Upper-Middle-Class-Milieu schließen. Über allem thront ein Gemälde des Spaniers Pablo Picasso, auch er eine Art Don Juan, Doch Jake, der Protagonist des Stücks, wird nicht umschwärmt, vielmehr instrumentalisiert er die Frauen für seinen Seelenkampf.
 

Pausenlose Bühnenpräsenz
Er fantasiert sie herbei und legt ihnen Worte in den Mund. Mal streitet er mit ihnen, dann wieder umgarnt er sie. Die Damen verselbstständigen sich zusehends. Schließlich reden sie Tacheles mit ihm und legen den Finger in offene Wunden.
    Nur zwei der Frauen sind aus Fleisch und Blut, die anderen begleiten ihn beim Blick zurück in die Vergangenheit. Peu a peu überlagern sich die verschiedenen Zeitebenen, der Wettstreit zwischen Realität und Fiktion nimmt immer schizophrenere Züge an. Auf dem Höhepunkt kommuniziert Jake gleichzeitig mit seiner neuen  Liebschaft  Sheila  und

(in der Fantasie) mit seiner Noch-Ehefrau Maggie.
    Fritjof Hajunga zeigt in einer pausenlosen Bühnenpräsenz die Hauptfigur als einfühlsamen und verletzlichen Einzelgänger. Das Persönlichkeitsprofil kommt nicht von ungefähr. Jake ist Schriftsteller, Autor von Romanen. Ein Workaholic. Gedanklich entwirft er fortwährend Figuren und Situationen. Der permanente innere Dialog, den er als Mittel gegen Beziehungskrisen und Ehekrach einsetzt, droht zusehends zu einem Fallstrick zu werden.
 
Emotionale Berg- und Talfahrt
Seine Karrierebewusste Frau Maggie will eine Ehepause auf Zeit. "Ständig die Vergangenheit herauf- zubeschwören, hilft mir nicht durch die Zukunft", weiß sie. Annette Fischer bringt die emotionale Berg- und Talfahrt sehr schön auf den Punkt. Ihre Maggie hält die "klaustro- phobische, erstickende" Situation nicht mehr aus. Sie geht zwar, kommt aber auch wieder.
    Als sie in Jakes Fantasie auftritt, während der gerade mit Sheila anbändelt, stattet er sie mit ganz neuen Konturen aus: Sie wird zur Kämpferin, deren Waffe die Ironie ist. "Du hast so viel Angst vor der Wahrheit, so dass du mich zum Richter instrumentalisierst", wirft sie ihm anschließend vor.
    Annette Fischer meistert den Spagat zwischen der fiktiven und realen Maggie wunderbar. Sheila, die berechnende Geschäftsfrau, die als zweite reale Person präsent ist, reagiert irritiert auf die Vorgänge. Tanja Weber schlüpft in die Rolle dieser Frau, der ein ums andere Mal die Gesichtsmuskeln nach unten fielen.
    Eine wichtige Rolle in Jakes Fantasieleben spielt die vor 20 Jahren verstorbene Julie, dargestellt von Justin McIlhargey. Sie bleibt in der Erinnerung eine junge, hübsche Frau, die ihm die nötige Zuneigung entgegenbringt. In Jakes Gedanken repräsentiert sie das Feuer der Liebe.

Premierenfoto
 Im PiPaPo-Keller hatte die neue Eigenproduktion "Jake's Frauen" Premiere.   BILD:FUNCK

    Mit mahnendem Zeigefinger erscheint ihm seine Psychoanalytikerin (Cecilia Kecskemethy), die von ihm eine schonungs- lose Konfrontation mit sich selbst fordert.
    Seine Tochter Molly tritt ihm mal als 12-jährige (Laura Hoffmann) und dann als 21-jährige (Verena Bauer) entgegen. Er zitiert sie herbei, wenn er familiäre Nähe braucht.
    Karen, seine Schwester (Ute Ritter), ist die Verbindung zu den eigenen Wurzeln.
    Jake schneidert sich seine Frauen in der Fantasie so

zurecht, wie er sie braucht. Bis er an den Punkt gerät, wo sie ein Eigenleben zu gewinnen und ihm zu entgleiten drohen.
    Trotz aller Dramatik: Das Stück verzichtet auf hektisch-nervösen Kla- mauk und besticht durch sprachlich süffig ver- packten, feinsinnigen Humor. Das lässt dem Zuschauer die Zeit und den nötigen Raum in diesem intimen Theater.

    Es spielten unter der Regie von Dr. Jürgen Rehm:
    Fritjof Hajunga als Jake,

Annette Fischer als seine Frau Maggie, Justin McIlhargey als seine verstorbene Frau Julie, Laura Hoffmann als seine 12-jährige Tochter Molly, Verena Bauer als 21-jährige Molly, Ute Ritter als seine Schwester Karen, Cecilia Kecskemethy als Psychoanalytikerin Edith, Tanja Weber als Sheila.

Bühnenbild: Fritjof Ha- junga; Technik: Guido Frantz und Carlo Moldenhauer, Regieassistenz: Angela Galvano.
                                      moni