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BENSHEIM               Zurück zur Pressestimmen-Übersicht
    PiPaPo:  Premiere im Schauspiel des Bensheimer Kellertheaters

 Verrücktes Spiel um Lust und Liebe

Bensheim.  Einen Affront gegen die bürgerliche Sittsamkeit strickte der 1885 in Petersburg geborene französische Schriftsteller Sacha Guitry in seiner Komödie "Verrückt" - mit delikater Scharfzüngigkeit und einer ironischen, doppelbödigen Zeichnung der Figuren.
  Mit einer Eigenproduktion wagte sich das PiPaPo-Kellertheater an eine Inszenierung des süffisanten Stoffes unter der Regie von Jürgen Rehm heran. Den fünf Bühnenakteuren gelang die Wanderung auf dem schmalen Steg der grotesken Verzerrung des bürgerlichen Biedermeier.

  Guitry kehrt in seiner Komödie das Spiel um Lust und Liebe in ehelichen Beziehungen um. Der Trauschein wird zum Freifahrtschein für den Seitensprung. Die Ernüchterung in der festen Bindung wirkt als starker Motor endlich Neuland zu erobern und in fremden Gewässern zu fischen.
  Ort der Handlung ist in den vier Akten das Sprechzimmer des Psy-chiaters Dr. Flaché. Die Inszenierung entführt in einen aufgeräumten Raum, der die schwere des Biedermeier spiegelte. ...Holzmöbel und ... geblümte Tapete wirkten eher erdrückend.

Sexuelle Befreiung
Vor diesem Hintergrund spielte sich die sexuelle Befreiung in vielen Facet-

ten ab. Für den Arzt ist der Liebesakt die Methode der Wahl, um manisch-depressive oder psycho- tische Patientinnen zu heilen. Für die Beziehung des Bankiers Jean-Louis Cousinet  zu  seiner  Geliebten  Missia ist die Beratung Durchgangsstation zu einem Leben in Freiheit.
Das Ensemble spiegelt skurile Charaktere und verleiht ihnen scharfe Konturen. Eine Glanzleistung kann Fritjof Hajunga in der Rolle des Psychiaters verbuchen, der mit einer steinernen Mimik auf sich aufmerksam machte. Sie gibt ihm die Macht, die er gerne bei seinen Patienten ausspielt.
  Er lässt keinen Zweifel auf- kommen, das er den Taktstock über das Wohl und Wehe der Gefühlswelten schwingt. Trotz aller

kantigen Bewegungen zeichnet der Akteur seine Figur auch mit einer gewissen Leichtigkeit vor allem durch seine Stimmführung, die in einem ... Singsang verharrt. Bis zur letzten  Silbe  hält  er den  singenden Jambus durch. Umso ge- waltiger wirkt der Inhalt seiner Worte.
Das Bankier-Paar hingegen - dargestellt von Martin Knittel und Carolin Schreiber - erscheint wie aus einem Holz geschnitzt. Die beiden agieren temperamentvoll und wort- gewaltig. Der eine beklagt sich mit denselben Anschuldig- ungen über die andere, aber auch in demselben sprachlichen wie gestischen Ausdruck. Sie wirken wie Spiegelbilder.
Loslösung und neue Abenteuer
Die beiden leben als Paar, dass der Streit fesselt. Erst als sie auf Anraten des Psychiaters heiraten, gelingt ihnen die Loslösung. Sofort stürzen sich beide in neue Liebesabenteuer - sie mit dem Psychiater, er mit einer Raumaustatterin (Anette Fischer), die zwar "nicht die schöne Helena sei"; doch als gehorsames Mädel ist sie ein passendes Pedant zum Bankmanager, der die Zügel führt.
  Tanja Weber spielt die Rolle der Ordinationsschwester Pauline, die selbst die wunderlichen Heilungsmetho- den des Doktors erleben durfte. Sie arbeitet artig als seine rechte Hand und rollt ein ums andere Mal Ihre Augen, wenn etwas nicht läuft wie immer.
  Im Stück machen die Akteure eine Kehrtwende durch. Niemand steht zum Schluß am Anfangspunkt. Der Lauf der freien Liebe hat sie "ver-rückt".

Weitere Mitwirkende:  Bühne: Fritjof Hajunga und Oliver Staffelt; Technik: Guido Frantz und Carlo Moldenhauer; Regieassistenz: Angela Galvano
                                      moni

Premierenfoto
   Die neue Eigenproduktion "Verrückt" von Sacha Guitry feierte im PiPaPo-Kellertheater Premiere.     BILD: LOTZ