| Vorstellungskalender | Kindertheater | Schauspiel | Gastspiele | Vorverkauf | So finden Sie uns | Wir über uns | Pressestimmen |
 

Pressestimme zur Premiere:

"Sonny Boys"

Bergsträßer Anzeiger, 14. Mai 1999

Ambitionierte und kultivierte Kommödien-Inszenierung
Premiere der neuen PiPaPo-Produktion "Sonny Boys" in der Regie von Ute Weis
Schauspielerische Spitzenleistung

Bensheim.
Die Frage, die Johann Ludwig Morlinghaus in seiner Einleitungs-Conférence zur aktuellen PiPaPo-Premiere am Dienstagabend stellte, nämlich, ob man überhaupt Komödie spielen solle in einer Zeit, in der nur vielleicht zwei Flugstunden von uns entfernt grausam Krieg geführt wird, diese Frage war natürlich rein rhetorisch. Denn zum einen besteht ein der Spezies Mensch zutiefst eingeborenes Verlangen nach dem Komischen, zum anderen kann wahre Komik ohne Ernst gar nicht gedacht werden. Versuche, den Spaß auf den puren Unernst zu gründen, sind noch allemal in barer Albernheit geendet; und die war noch nie abendfüllend.

Der amerikanische Dramatiker Neil Simon, 1927 geboren, ist ein viel zu gescheiter Autor und ein viel zu gewiefter Stückeschreiber, als daß er das nicht wüßte. Sein Stück von den zwei gealterten Komödianten, den "Sonny Boys‘, lebt durch und durch von jenem Witz, der nur auf dem Grund einer rabenschwarz-galligen Bitterkeit erwächst; sie bestimmt den Gestus, der dem Autor die Feder führt und seinen Figuren die Sprache gibt, eine Sprache, die durchblitzt ist von der jählings aufschießenden Pointe.
Etwa so: "Warum hast du mir nicht die Alka-Seltzer-Werbung verschafft? Das ist meine Art von Komik. Ich habe ein tolles Gesicht für einen verdorbenen Magen.
Der das Stück sagt, der alte Komiker Willie Clark, der von seinem Spiel-Partner Al Lewis nach 23 Jahren gemeinsamer Erfolge gleichsam Knall auf Fall sitzengelassen wurde und davon nie wieder sich hat berappeln können, wird in Ute Weis‘ PiPaPo-lnszenierung von Norbert Jakob gespielt, und ohne Vergangenes schmälern und Aktuelles übertreiben zu wollen kann jedenfalls gesagt werden, daß er nie besser war als in dieser Rolle.
Natürlich kommt ihm die (Riesen-) Partie, die immer wieder das starke Auftragen verlangt, entgegen, aber damit allein ist es nicht getan. Denn da gibt es auch die heiklen Umschlag-Situationen, in denen aus beißendem Zynismus der bis vortrefflich nachempfundenen Zorn und Haß sich steigern kann, urplötzlich so etwas wie Charme, wie eine momentweise hervorlugende Liebenswürdigkeit sich offenbart, die die Figur sogleich wie in wärmerem Licht erscheinen läßt.
Die Zwiespältigkeit dieses Charakters spielt Norbert Jakob fabelhaft prägnant heraus; er spielt da jemanden, der Willi Clark heißt, und dieser Willie Clark nun spielt sich seinerseits permanent selbst, womit er unfähig wird, tatsächlich noch Schauspieler sein zu können. Dieses veritable Kunststück nun, einen Schauspieler zu spielen, der nicht mehr schauspielern kann, weil das eigene Selbst zur Rolle geworden ist, diese doppelte oder gar dreifache Brechung gelingt Norbert Jakob auf bewunderungswürdige Weise. Darauf noch den Begriff Liebhaber- oder gar Laien-Theater anzuwenden wäre eine grobe Unschicklichkeit.

Rainald Methlow spielt den Al Lewis, den Ex-Partner, der es im Gegensatz zu Willie Clark in einer zweiten Existenz als Börsenmakler zu einigem Wohlstand gebracht hat. Ein gemessener, gebrechlich gewordener Gentleman tritt da auf, die Formen des Umgangs beherrschend, ohne ihrer noch vollends mächtig zu sein, ein vollendeter Konterpart zu dem ständig auf- und überbrausenden Willie Clark, in manchem an jene Figuren Loriots gemahnend, die da in scheinbarer Ungerührtheit Katastrophen durchleben.
Auf den ersten Blick übernimmt Methlow den weniger dankbaren Part des Duos, in Wahrheit aber ist er der unverzichtbare Widerschein des manischen Selbstdarstellers, der, ohne den das Schauspielern ehedem wie letztlich das Leben nicht möglich ist.

Folgerichtig, daß der Autor die beiden so ungleichen Exemplare zuletzt in einem Wohnheim für alte Schauspieler wieder zusammenführt. Auch hier gelingt eine überaus konzise darstellerische Leistung, die den vielfältigen Brüchen des Willie Clark höchst wirkungsvoll den Gegenpol einer in sich geschlossenen Persönlichkeit entgegenstellt.

Und dann ist da noch ein dritter Mann, Ben Silverman, der Neffe des Willie Clark, vom Autor eigentlich als dramaturgische Brücke eingesetzt um die beiden Partner, die sich seit langem entzweit haben, wieder zusammenführen zu können. Markus Benner aber macht weitaus mehr aus der Partie - er gibt da die komische Ernsthaftigkeit dessen, der in seinem Bemühen notwendig einen Rückschlag nach dem anderen erleidet, weil er Unternehmungen betreibt, die der Zuschauer schon im vorhinein als vergeblich erkannt hat. Er tut dies, ohne je zu übertreiben, mit flinker Beweglichkeit und nimmermüder Energie, und wertet die Rolle damit ins durchaus Charakteristische auf.

Dies ist  - soviel ist gewiß -  ein Männerstück. Eine Frau, Ute Weis, hat es inszeniert, und das ist dem Stück womöglich sehr gut bekommen. Denn was sich erfreulicherweise gar nicht findet, das ist jene Spielart von Männerulk, die so gern an die Stelle von wirklichem Witz die knallige Outriertheit setzt, die so schnell von Komik in Klamotte abgleitet in der Meinung, es müsse immer noch eins draufgesetzt werden. Diese Inszenierung ist bestimmt von genauer Beobachtung und sensibler Charakterisierung, da stimmt das sogenannte ‚timing‘, da werden die Pointen zielsicher gesetzt, ohne daß sie zu Selbstläufern würden.
Ute Weis nimmt das Stück ernst, sie nimmt die Figuren ernst, und so entsteht eine höchst kultivierte, ambitionierte und witzige Inszenierung, die gerade deswegen so gut ist, weil sie auf alles Schrille verzichtet.

Eines freilich ist nicht gelungen, konnte auch gar nicht gelingen: die drei Frauenrollen sonderlich aufzuwerten. Dunja Bethke spielt sie alle drei - die Tochter des Al Lewis, eine Kartoffelchips-Produzentin bei Werbefilmaufnahmen, und die Krankenschwester, die Willie Clark nach dessen Herzanfall betreut.
Wirkliche Entfaltungsmöglichkeiten hat sie nur in der Partie der letzteren, und die nutzt sie in denkbar günstiger Weise. Aber sie kann nicht darüber hinwegtäuschen daß Neil Simon in diesem Stück an Frauen herzlich uninteressiert war und sie nur einsetzte, weil es wohl sein mußte.

Dafür haben Susanne Hofmann und Roland Gärtner, die die Technik mustergültig versehen ihrerseits die Möglichkeit szenisch hervorzutreten, nämlich als Regisseure bei Filmaufnahmen, die dem alten Komiker-Paar Clark/Lewis gründlich danebengehen.

Am Schluß des Premieren-Abends gab es verdient langen und heftigen Applaus, und Blumen für die erschöpften, aber glücklichen Darsteller und für die sichtbar gerührte Regisseurin.

Jürgen Rehm

zurück Zurück zur Presse-Übersicht