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"Ganz unter uns"

Bergsträßer Anzeiger, 19./20. Juni 2004

Beziehungs-Geschwüre feinsinnig seziert
PiPaPo-Theater probt für neues Stück von Alan Ayckbourn: "Ganz unter uns" / Premiere: 24.6.

Bensheim.
Im Radio läuft "Alright Now" und auch sonst spürt das Kellertheater das imaginäre in-die-Hände-spucken der angespannten Schauspieler. Carlo Moldenhauer hämmert noch an den Kulissen herum. Immer dasselbe, das Bühnenbild wird erst in der letzten Minute fertig. Anscheinend so eine Art geheimes PiPaPo-Theatergesetz. Doch Moldenhauer bleibt cool zwischen Farbeimern, Aschenbechern und Erdnussdosen, wischt noch einmal die Bistrotische ab und zupft am Bühnenteppich. Die grüne Farbe für das selbst gebastelte Auto ist ausgegangen, aber bis zur Premiere am 24. ist das Ding auf jeden Fall lackiert.

Matthias Lorenz steht an der Bar und hat einen dramaturgischen Sparringspartner gefunden, mit dem er seinen Text durchgeht: "Geburtstage sind für mich etwas Wunderbares...". Regisseur Jürgen Rehm rückt die Trennwand gerade. Jeder fasst mit an. Dann Licht aus, Bühne frei und Vorhang auf für eine szenische Kostprobe aus "Ganz unter uns" von Alan Ayckbourn, der jüngsten Eigenproduktion des Bensheimer Ensembles.

Die Mimen sind alte Hasen, für Dr. Jürgen Rehm ist es ein Debüt. Der neue PiPaPo-Vorsitzende sitzt am Bühnenrand und verfolgt die rasanten Dialoge seiner Mannschaft, hilft auch mal über einen der wenigen Hänger hinweg. Die fünfköpfige Truppe muss wenig dazulernen, wirkt konzentriert und sicher und man spürt einen qualitativen Aufwind, der das PiPaPo in den letzten 15 Jahren zu einem anspruchsvollen Unterhaltungstheater emporgeblasen hat.

Ayckbourn ist ein Autor, dessen weltbekannte Komödien - über 40 Stücke hat der Brite exklusiv für die Bühne geschrieben - Maßgeschneidert sind für die Aufführung in intimen Häusern wie dem PiPaPo: Brillant aufgebaut, ohne dramaturgischen Ballast und dem Publikum gefallend, ohne in boulevardesker Gefälligkeit zu versiegen.

Dem Ensemble hat das Buch gleich zugesagt und Rehm hat die Vorlage mit Samthandschuhen gestreichelt. "Ayckbourns Stücke sind erstklassig konzipiert. Kürzungen würde man spüren, daran erkennt man den guten Autor" erklärt der Regisseur. "Ganz unter uns" ("Just Between Ourselves") ist komisch, aber keine klamaukige Klamotte. Ernst, ohne deprimierend zu sein und viel gehaltvoller, als manche es von einem der meistgespielten Erfolgsautoren der Welt erwarten würden.

Im Jahr 1977 wurde das Stück mit dem "Best Play Award" der Zeitung Evening Standard ausgezeichnet. Die Story ist in vier Szenen unterteilt und blickt hinter den Vorhang familiärer Heimeligkeit, hinter deren vermeintlicher Nettigkeit ein groteskes Geschwür aus Vereinsamung, Komplexen und Depressionen wuchert. Es ist die Geschichte von Vera und Dennis, zweier Mittelständler um die vierzig, die eigentlich nur ihren alten Wagen verkaufen wollen und dabei an Neil und Pam geraten, die das Auto zwar nicht kaufen, aber gelegentlichen Treffen nicht abgeneigt sind. Man feiert ständig die Geburtstage der Beteiligten, schlägt sich mit Marjorie, Dennis' Mutter, herum und in einem Klima gegenseitiger Unerreichbarkeit und allgemeiner Beziehungs-Stagnation bemühen sich alle, wenigstens die wackelige Fassade aufrecht zu halten.

Glücklich scheint, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Insofern ist "Ganz unter uns" durchaus ein kleiner Lebensfreude-Hemmer, der aber durch das frische Spiel der Schauspieler trefflich herunterzuschlucken ist.

Als Vera und Dennis sind Anette Fischer und Matthias Lorenz zu sehen. Bettina Kügler und Jan Hauptmann spielen Pam und Neil, die Marjorie wird von Tanja Weber verkörpert. Für die Technik ist Udo Hartmann verantwortlich, der funktionell geteilte Bühnenbau wurde von Carlo Moldenhauer erdacht und gemacht.

Alan Ayckbourns dramaturgisches Credo wird auch in Bensheim zu spüren sein: "Im ersten Akt müssen die Zuschauer über den Boden an die Wand geführt werden. Im zweiten dann behutsam die Wand hinauf. Im dritten sollen sie kopfüber an der Decke hängen und dabei nicht merken, das wir sie geführt haben. Bis sie sich schließlich fragen, wie sie dorthin gekommen sind und warum sie nun auf dem Kopf stehen".

Ayckbourn empfindet das Lachen des Publikums als Zeichen der Zuneigung, gar als Ausdruck der Liebe für die Charaktere, "dass man ihnen nicht einfach in höflichem Schweigen zusieht". Die komische Überzeichnung der Realität und die Konfrontation mit dem Ernsthaften, Seriösen ist die Spezialität Ayckbourns, der sich mit Neil Simon den Ruf teilt, der meistgespielte Theaterautor der Welt zu sein.

In nur drei Monaten hat das PiPaPo die Komödie für Bensheim geprobt. "Trotz des Führungswechsels ist die Solidarität unter den Schauspielern ungebrochen", betont Jürgen Rehm. Die erste Repertoirvorstellung findet am 26.Juni um 20.30 Uhr statt. Weitere Aufführungen im Juli finden am 2., 3., 9. und 10. statt. Nach der Sommerpause wird das Stück ab 18. September fortgeführt. Malerisch begleitet wird der Ayckbourn von den sinnlichen Bildern der Künstlerin Riccarda Müller-Ahlheim, die ab sofort im Kellertheater zu sehen sind.

tr

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