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Bergsträßer Anzeiger, Ausgabe für Samstag/Sonntag, 19./20. Oktober 2001, Nr. 245

Bensheim
BA11/LT13/LaLi13/HP13                                                           Zurück zur Pressestimmen-Übersicht
Vergnüglich, intelligent und darstellerisch absolut perfekt
Saison-Premiere des "PiPaPo"-Theaters mit Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" / Darsteller agieren professionell

Bensheim.     So viel ist gewiss: unter den heutigen Autoren gibt es  - von Alan Ayckbourn einmal abgesehen -  keinen, der Michael Frayn an skurrilem Witz überbieten könnte. Gemutmaßt werden darf aber auch: selbst Michael Frayns Witz hätte vor der Vorstellung kapituliert, dass sein Erfolgsstück "Der nackte Wahnsinn" auf der Bühne des "PiPaPo"-Theaters realisiert werden könnte.
    Denn der 1933 geborene englische Autor hatte sein Stück, das seit 1982 in aller Welt reüssiert  - den zweiten Welterfolg schloss er dann Ende der 90er Jahre mit dem ebenfalls sehr bemerkenswerten Roman "Das verschollene Bild" an -  für eine zweistöckige Bühne konzipiert, die im ersten Akt die Darsteller eines Tournee-Theaters bei einer Generalprobe zeigt (immer höchst reizvoll: Theater auf dem Theater), die dann im zweiten Akt die gesamte Szene so dreht, dass die Geschehnisse hinter der Bühne gezeigt werden, und die im dritten Akt wieder die Szenerie wie im ersten präsentiert.
    Jeder sollte meinen, dass solche Anforderungen die Produktion des Stückes auf einer Bühne, die eben die Abmessungen eines Zimmers hat, ausschließen. Nicht so dachten indes Ute Weis, seit Jahren Haus-Regisseurin des "PiPaPo"-Theaters, und ihr Ensemble. Und - sie hatten Recht: es genügen ein paar textliche Retuschen und die überaus geschickte Konstruktion eines Bühnenbildes, das die zwei Ebenen auf eine reduziert und den kleinen Bühnenraum zu einem Zentrum macht, von dem sieben Türen abzweigen, um einen Spielraum zu schaffen, auf dem das in der Tat schier wahnsinnige Geschehen ablaufen kann.

    Dies Geschehen selbst zu definieren ist nicht ganz leicht. Acht Darsteller und ihr Regisseur proben am Anfang ein Stück, das eigentlich nichts ist: es ist die Farce einer Farce, die hier geprobt wird. Wesen einer Farce ist bekanntlich, dass Requisiten eine Eigendynamik entwickeln, dass sie schließlich zu Hauptakteuren werden und von den Personen, die eigentlich mit ihnen spielen sollten, nicht mehr beherrscht werden. So auch hier. Gelingt schon bei der Probe nichts, so zeigt der zweite Akt, wie im Zuge von Beziehungsproblemen der Darsteller untereinander diese Requisiten zu Gegenständen der persönlichen Aus- einandersetzung werden, und der dritte Akt übergipfelt das dann noch, wenn vom Alkohol umnebelte Sinne der Ver- selbstständigung der Requisiten vollends freien Lauf lassen.
    Frayns Stück offenbart also von Stufe zu Stufe fortschreitendes Misslingen:  Theater,

das sich an einem nichtsnutzigen Stück abarbeitet, und Darsteller, die ihrer persönlichen Probleme nicht mehr Herr werden, so dass ihr fortwährendes Weiteragieren in immer weitere Katastrophen hineinführt.
    Das mag tragisch klingen - in Wahrheit aber gibt es nichts in der neuen Bühnenliteratur, das amüsanter wäre als dieses.

    Das "PiPaPo"-Ensemble hat in den vergangenen Jahren viele sehr be-merkenswerte Produktionen vorgestellt. Mit dieser aber übertrifft es alle. Denn kein Stück, das bislang auf dem Programm stand, ist so schwer zu realisieren wie dieses, weil es zu dem fortwährenden Abmarsch in die Katastrophen eines konstant sich beschleunigenden Tempos bedarf. Und eben das wird mit dem Ensemble um Ute Weis in wirklich bemerkenswerter Weise zur dramatischen Wirklichkeit.

Mag das Grundzeitmaß des ersten Akts, der, wie gesagt, eine Generalprobe zeigt, bei der schon nichts funktioniert (aber was, bitte schön, sollte hier auch funktionieren, wo es nur um Türen und ausgerechnet Sardinen geht?), eher ein Moderato sein, das sich aber sukzessive beschleunigt, weil die Premiere unmittelbar ansteht, so muss der zweite Akt doppelt so schnell genommen sein, denn in die dem Zuschauer geläufigen Vorgänge der Bühnenhandlung werden die privaten Beziehungskisten der Darsteller hineingeschossen. Und der dritte Akt, der in den totalen Zusammenbruch führt, weil hier gar nichts mehr stimmt, muss ein "timing" haben, das eine abermalige Beschleunigung jedenfalls suggeriert.
    Nichts an der "PiPaPo"-Inszenierung in der Regie von Ute Weis hat da noch einen Hauch von Laientheater. Alle Darsteller agieren höchst professionell. Jan Hauptmann, Tanja Weber, Hans Viktor Kohnle, Barbara Müller, Rainald Methlow, Annette Fischer, Alexander Schilz, Bettina Kügler und Carlo Moldenhauer bilden ein Ensemble, das seinesgleichen suchen mag insoweit, als hier alle Aktionen absolut präzis aufeinander abgestimmt sind. Da ist jeder Gang genauestens abgemessen, jede Äußerung passt auch bei höchstem Aktions-Tempo nahtlos an die andere, jede Handlung gerät genau im passenden Augenblick an den eben Richtigen, und jede Geste ist korrekt. Kaum je ist solche Perfektion bei Berufsschauspielern zu beobachten.

    Fazit: Diese Produktion des "PiPaPo"-Theaters muss man sehen. Vergnüglicheres, Perfekteres, Intelligenteres auch wird auf den Theatern des Umlandes derzeit
nicht gegeben.

Jürgen Rehm

    GELUNGENE PREMIERE.
    Das "PiPaPo"-Kellertheater glänzte bei der Premiere mit dem Stück  "Der nackte Wahnsinn".
    Bild: Funk