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Bensheim.
So viel ist gewiss:
unter den heutigen Autoren gibt es - von Alan
Ayckbourn einmal abgesehen - keinen,
der Michael Frayn an skurrilem
Witz überbieten könnte. Gemutmaßt werden
darf aber auch: selbst Michael Frayns
Witz hätte vor der Vorstellung kapituliert,
dass sein Erfolgsstück "Der nackte Wahnsinn"
auf der Bühne des "PiPaPo"-Theaters
realisiert werden könnte.
Denn der 1933 geborene englische Autor hatte sein Stück,
das seit 1982 in aller Welt reüssiert - den
zweiten Welterfolg schloss er dann Ende der 90er Jahre
mit dem ebenfalls sehr bemerkenswerten Roman
"Das verschollene Bild" an - für eine zweistöckige
Bühne konzipiert, die im ersten Akt die Darsteller
eines Tournee-Theaters bei einer Generalprobe zeigt
(immer höchst reizvoll: Theater auf dem Theater),
die dann im zweiten Akt die gesamte Szene so dreht,
dass die Geschehnisse hinter der Bühne gezeigt werden,
und die im dritten Akt wieder die Szenerie wie im
ersten präsentiert.
Jeder sollte meinen, dass solche Anforderungen die
Produktion des Stückes auf einer Bühne, die eben
die Abmessungen eines Zimmers hat, ausschließen.
Nicht so dachten indes Ute Weis, seit Jahren
Haus-Regisseurin des "PiPaPo"-Theaters, und
ihr Ensemble. Und - sie hatten Recht: es genügen
ein paar textliche Retuschen und die überaus geschickte
Konstruktion eines Bühnenbildes, das die zwei Ebenen
auf eine reduziert und den kleinen Bühnenraum zu einem
Zentrum macht, von dem sieben Türen abzweigen, um
einen Spielraum zu schaffen, auf dem das in der Tat
schier wahnsinnige Geschehen ablaufen kann.
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Dies Geschehen selbst zu definieren ist nicht
ganz leicht. Acht Darsteller und ihr Regisseur
proben am Anfang ein Stück, das eigentlich nichts
ist: es ist die Farce einer Farce, die hier
geprobt wird. Wesen einer Farce ist bekanntlich,
dass Requisiten eine Eigendynamik entwickeln,
dass sie schließlich zu Hauptakteuren werden
und von den Personen, die eigentlich mit
ihnen spielen sollten, nicht mehr beherrscht werden.
So auch hier. Gelingt schon bei der Probe nichts,
so zeigt der zweite Akt, wie im Zuge von
Beziehungsproblemen der Darsteller untereinander
diese Requisiten zu Gegenständen der persönlichen Aus-
einandersetzung werden, und der dritte Akt
übergipfelt das dann noch, wenn vom Alkohol
umnebelte Sinne der Ver-
selbstständigung der Requisiten vollends freien Lauf lassen.
Frayns Stück offenbart also von Stufe zu Stufe
fortschreitendes Misslingen: Theater,
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das sich an einem nichtsnutzigen Stück abarbeitet, und
Darsteller, die ihrer persönlichen Probleme
nicht mehr Herr werden, so dass ihr fortwährendes
Weiteragieren in immer weitere
Katastrophen hineinführt.
Das mag tragisch klingen - in Wahrheit
aber gibt es nichts in der neuen Bühnenliteratur, das amüsanter wäre als dieses.
Das "PiPaPo"-Ensemble hat in den vergangenen
Jahren viele sehr be-merkenswerte Produktionen vorgestellt.
Mit dieser aber übertrifft es alle. Denn kein Stück, das bislang auf dem
Programm stand, ist so schwer zu realisieren
wie dieses, weil es zu dem fortwährenden
Abmarsch in die Katastrophen eines konstant
sich beschleunigenden Tempos bedarf. Und eben
das wird mit dem Ensemble um Ute Weis in wirklich
bemerkenswerter Weise zur dramatischen Wirklichkeit.
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Mag das Grundzeitmaß des ersten Akts, der,
wie gesagt, eine Generalprobe zeigt, bei
der schon nichts funktioniert (aber was,
bitte schön, sollte hier auch funktionieren,
wo es nur um Türen und ausgerechnet Sardinen geht?),
eher ein Moderato sein, das sich aber sukzessive
beschleunigt, weil die Premiere unmittelbar ansteht,
so muss der zweite Akt doppelt so schnell genommen
sein, denn in die dem Zuschauer geläufigen Vorgänge
der Bühnenhandlung werden die privaten Beziehungskisten
der Darsteller hineingeschossen. Und der
dritte Akt, der in den totalen Zusammenbruch
führt, weil hier gar nichts mehr stimmt, muss
ein "timing" haben, das eine abermalige
Beschleunigung jedenfalls suggeriert.
Nichts an der "PiPaPo"-Inszenierung in der Regie
von Ute Weis hat da noch einen Hauch von Laientheater.
Alle Darsteller agieren höchst professionell.
Jan Hauptmann, Tanja Weber, Hans Viktor Kohnle,
Barbara Müller, Rainald Methlow, Annette Fischer,
Alexander Schilz, Bettina Kügler und Carlo Moldenhauer
bilden ein Ensemble, das seinesgleichen suchen mag
insoweit, als hier alle Aktionen absolut präzis
aufeinander abgestimmt sind. Da ist jeder Gang
genauestens abgemessen, jede Äußerung passt auch
bei höchstem Aktions-Tempo nahtlos an die andere,
jede Handlung gerät genau im passenden Augenblick
an den eben Richtigen, und jede Geste ist korrekt.
Kaum je ist solche Perfektion bei Berufsschauspielern zu beobachten.
Fazit: Diese Produktion des "PiPaPo"-Theaters muss
man sehen. Vergnüglicheres, Perfekteres, Intelligenteres
auch wird auf den Theatern des Umlandes derzeit
nicht gegeben.
Jürgen Rehm
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