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       Bergsträßer Anzeiger,  Ausgabe für Donnerstag,  11. Mai 2006             Zurück zur Pressestimmen-Übersicht

Liebe,  Geld,  Mord,  Wahnsinn  und  Glück
SCHULTHEATER:  "Goethe"-Theatergruppe inszenierte beeindruckend Jean Anouilhs "Hermelin"

Bensheim.  Wenn Geld und Liebe im Spiel sind, haben echte Gefühle es schwer. Das ist auch in Jean Anouilhs Bühnen-Erstling "Hermelin" nicht anders. Das Stück diente als spannende Vorlage für eine Inszenierung der Theatergruppe des Goethe-Gymnasiums, die sich mit einigem philosophischen Tiefgang um Lebensentwürfe, Schuld und Mord rankt. Rund zwei Stunden lang hielten die jungen Darsteller das Publikum im PiPaPa-Kellertheater in Atem.

Frantz hat sich verrechnet. In der kom- promisslos-korrupten Geschäftswelt konnte er sich nicht behaupten. Schlimmer noch: Für den jungen Akademiker ist viel Geld gleichbedeutend mit großer Liebe. Denn ohne Geld keine Monime. Denkt er jedenfalls. Er bittet seinen Freund Mr. Bentz, seine Schulden leihweise zu begleichen. Doch für den sind Geld und Freundschaft zwei verschiedene paar Schuhe. Eine Verquickung lehnt er ab.
Was also tun? Die blaublütige Monime wohnt bei ihrer Tante, der Herzogin von Granat. Die adelige Alte ist von traditionellem Schlag und hält von einer Ehe mit einem Bürgerlichen rein gar nichts. Nur über einen Mord glaubt Frantz an die Nichte und an das Geld heranzukommen. Doch Monime kann sich nicht vorstellen, mit der Lüge eines vertuschten Mordes in die Ehe zu gehen. Erst als Frantz der Polizei die Tat gesteht und abgeführt wird, ruft sie ihm nach: "Ich liebe dich!"
Das Stück, Anouilhs Theater-Debüt, ist für

die jungen Akteure eine echte Heraus- forderung. Tiefschürfende Monologe und Dialoge, in denen über Lebensentwürfe philosophiert wird, wollen gemeistert werden. Für die Schüler kein Problem. Sie füllten den Text mit Leben, markierten die Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne, zwischen Adel und bourgeoisem Emporkömmling durch ein präzises Spiel.

Naiv und voller Allüren


Das Stück verdeutlicht, wie schmal der Grat ist, der von der Normalität in den Wahnsinn, von der Legalität hinter Gitter führt. Nils Born (Frantz) mimt einen Zerrissenen, der zwischen Liebe, Geld, Mord, Wahnsinn und Glück hin undher treibt. Aufgrund seiner Allüren, seiner Naivität und seines Unvermögens rutscht er langsam aber sicher aus dem Leben heraus. Zugleich ist er ein bemitleidenswertes Opfer der Sprachlosigkeit und sozialer Barrieren.

Seine verbiesterte Mine steigert sich bis zur Melancholie, bis in die Psychose. Immer stärker nagt in ihm der Gedanke, die Herzogin zu ermorden. Monime (Inga Gehrmann) ist ihm in vielem ähnlich, im Leidensdruck etwa und darin, dass sie die Katastrophe kommen sieht. Diese außerordentliche emotionale Anspan- nung vermittelt sich den Zuschauern hautnah. Monime findet jedoch keinen Hebel, um das Desaster abzuwenden. Sie kämpft um ihren Geliebten. Geld spielt für sie keine Rolle. Die überkommenen Wertvorstellungen des Adels hat sie zwar längst abgestreift,  sie hängt aber

nach wie vor am Tropf ihrer Tante (Susanne Pein), die sie versorgt.

Die selbstbewusste alte Dame mit dem grauen Haarknoten lässt keinen Zweifel daran, wer das Sagen hat. Widerspruch duldet sie nicht Sie hält den jungen Leuten einen langen Vortrag darüber, was Adel ist und was nicht. Einzig zulässige Reaktionen sind Bibbern, Zittern oder Nicken. Ent- sprechend schwer hat es ihre Gesell- schafterin Marie-Anne (Nora Lessing). Eine devote Haltung ist Pflicht und zwingt zu Verstellung. Der Diener Joseph Diemer (UlrichRoth) ersäuft den Stress in Alkohol.
Ganz anders das Personal im bürgerlichen Lager. Die Familie Bentz (Sebastian Zahn, Nora Feldt) sonnt sich auch in sexueller Hinsicht in den Freiheiten einer gutsituierten Familie, Philippe (Nicolai Ulbricht), ein Studienkollege von Frantz, ist Journalist und Lebenskünstler. Seine Liebe zu Florentine (Lea Hartung) ist frei von jeder Geldgier. In weiteren Rollen spielten Patrick Zappe als Kammerdiener, Martin Cesar, Sven Wahlauch und Max Halbritter.

Die Inszenierung beeindruckt und macht betroffen. Die Goethe-Truppe um Regisseur Dr. Jürgen Rehm überzeugt durch aus- gereifte Leistungen. Das Stück, 1932 erstmals aufgeführt, lässt zwar die Symbole der modernen Lebenswelt vermissen, beschäftigt sich aber mit Fragen, die von großer Aktualität sind. Solche Theater- abende hätte man gerne öfter.                 moni


 Die Theatergruppe des Goethe-Gymnasiums führte Jean Anouilhs
  "Hermelin"  im PiPaPo-Kellertheater auf.   Unser  Foto  zeigt  Inga
   Gehrmann und Nils Born.                                                      Bild: Funck