Aktionsflächen entwickeln -
Bühnenmalerei & Bühnenbau
Damit ein neues Theaterstück so richtig in Szene gesetzt werden kann, bedarf es umfangreicher
Vorarbeiten. Zunächst wird eine passende Besetzung für das Stück gesucht, mit dieser dann Probe
gelesen, und schließlich werden erste Stellproben anberaumt.
Während dessen sind Techniker und Bühnenbauer (oft genug in Personalunion) am überlegen, welches
Licht, welche Requisiten, und welche Art von Bühnenbild erforderlich sind. Die Machbarkeit all
dessen wird geprüft und mit dem Regisseur besprochen.
Dann geht es in die Entwurfs-Phase. Erste Zeichnungen werden
erstellt, und bei 'Genehmigung' wird häufig ein kleines Papiermodell der Bühne gebaut.
(links zu den Vorhängen und 'Abstellern' des Kinderstückes
"Die Rettung der Kristallprinzessin, unten zum Vergleich der angelegte Hintergrund-Vorhang" C. Moldenhauer)

Ein solches Modell zeigt zum Einen mögliche Schwierigkeiten, zum
Anderen kann jetzt auch das Ensemble Stellung beziehen.
Diese Arbeiten laufen natürlich nicht in genau der genannten Reihenfolge ab, sondern
parallel und unter Berücksichtigung verschiedenster Änderungen. Häufig haben Regisseure,
Darsteller und Techniker durchaus unterschiedliche Vorstellungen über die Ausgestaltung
des 'Aktionsrahmens', welche sie bei den Leseproben entwickelten. Und obwohl bereits bei
der Auswahl eines Stückes die erste Frage an die Technik lautet "geht das, kriegen wir das hin",
zeigen sich oft Unwägbarkeiten, Übersehenes oder 'Unverträglichkeit' mit bereits
laufenden Inszenierungen. Schließlich müssen wir - im Gegensatz zu großen Theatern -
ohne Schnürboden, Hinterbühne und umfangreichen Lagerraum auskommen.
Wie nah Entwurf und Bühnenwirklichkeit einander meistens kommen, ist unten gut zu sehen.
Links ein bearbeiteter 'Scan' der Papiermodellteile; daneben ein Foto des fertigen Bühnenbildes.
Wichtige Vorgaben zu diesem Bühnenbild waren: Begehbarkeit des Schlosses, beweglicher Eselskopf
im linken Fenster, funktionsfähige Schranke. All das mußte innerhalb von 1,5 Minuten abbaubar sein.
Das Schloß wurde aus Sperrholz gefertigt, die Landschaft auf Vorhänge gemalt. Im rechten Hintergrund
kann man erkennen, wie das Schloß mit malerischen Mitteln vergrößert wurde.
(Entwurf und Ausführung: Carlo Moldenhauer)
|

Szenenwechsel -
Vorhang-Malerei
Das bemalen von Vorhängen zum Zwecke möglichst schneller Umbauten für Szenenwechsel,
wird bei uns überwiegend für das Kindertheater praktiziert. Aber auch im Schauspiel
müssen Hintergründe (Prospekte)
z.B. für geöffnete Fenster und Türen erstellt werden.
Da die Hintergründe nach einem Szenenwechsel vielleicht stören, andere sein
sollten,
oder ganz verschwinden sollen,
sind sie auf Stoffbahnen gemalt, die sich nach Bedarf 'Vor-
oder Weg-Ziehen' lassen.
Zu berücksichtigen sind dabei:
1. Die Blickwinkel aus dem Publikum; wie hoch und wie weit muß der Hintergrund reichen.
2. Die mögliche Ausleuchtung; Es gibt eine Reihe Halogenstrahler, aber reichen die?
3. Die Enge im Umlauf (siehe Bühnenplan unten)
4. Der optische 'Anschluß', denn an den Kanten soll natürlich im Notfall (wenn der Vorhang nicht
sauber gezogen wurde oder sich verschoben hat) nicht unmittelbar zu sehen sein, das es
sich 'nur' um einen Vorhang handelt. Also letztlich links, oben und rechts ein Übergang
zu schwarz, und unten nach Mittelgrau.
(Links oben ein Prospekt zu 'Halb auf dem Baum', rechts oben zu 'Der nackte Wahnsinn', C.M.).
|
Im Kindertheater haben die Vorhänge noch ganz andere Funktionen. Sie bilden die
seitlichen und die hintere Begrenzung des Aktionsraumes auf der Bühne. Konkret
bedeutet das, die Bemalung stellt in der Regel eine Landschaft dar,
ist wesentlich umfangreicher und großflächiger, und sie muß Vorhangfalten vertragen.
Zwar läßt sich ein solcher Bildvorhang auch spannen, aber das erschwert enorm
die Umbauten (welche meist sehr schnell gehen sollen). Ferner müssen
auch hier die mögliche Beleuchtung und die Kantenübergänge berücksichtigt werden.
Zusätzlich kann es sein, das eine Beleuchtung im Umgang durch den Stoff scheint;
was nicht immer gewünscht ist.
Im folgenden Ausschnitt mußten die Bühnenmaler H. C. Münch und Nicole Traub
beachten, das die Häuser immer noch groß genug wirken sollten,
auch wenn die Akteure unmittelbar vor der Kulisse spielten.
Bei der 'Marktplatz-Szene' des Pinocchio funktionierte das
ganz wunderbar, obwohl die reale Höhe des Hintergrundes
nicht mehr als 2,20m betrug.
Übrigens wurde die gemalte Szene auch auf den Seitenvorhängen
fortgesetzt.
Der gezeigt Hintergrund war innerhalb des Stückes nur zu Beginn
und am Schluß zu sehen. Dazwischen kamen noch eine tropische
Insellandschaft (Schlaraffenland) und der Mittelvorhang zum
Einsatz; ein Vorhang der die Bühne genau in der Mitte quer teilt.
Ein ganz anderes Konzept sind die Teilvorhänge.
Da die Vorhangschienen unserer Bühne in einer der drei Rollen-
Aufnahmen
immer einen Satz schwarzer Vorhänge enthalten, wird natürlich auch mit
diesen gearbeitet. Für manche Szenen kann nun
diese Schwärze verändert und aufgelockert werden, indem nicht ein kompletter
Hintergrundvorhang benutzt wird, sondern eben Teilvorhänge.
Diese werden auf zwei Leisten angebracht (oben und unten), wobei an der oberen
Leiste zwei Haken das Einhängen des Vorhangs erlauben. Diese Vorhänge fallen also
vor den schwarzen Hintergrundvorhängen. Auch Kombinationen sind möglich, und bis auf
den Einsatz einer Leiter (die hin und her geräumt werden muß) sind damit sehr schnelle
Szenenwechsel möglich. Oben ein Beispiel von Carlo Moldenhauer aus der 'Kristallprinzessin'.
Die Eiswüste besteht aus drei Teilvorhängen und einem Absteller rechts hinten.
Absteller sind Teile aus Sperrholz, die einfach hingestellt werden können.
Links ein Beispiel mit Abstellern in 'Mannshöhe'. Beide - etwas dunkleren -
Absteller bilden 'Gassen', hinter denen sich die Darsteller unmittelbar vor dem
Auftritt verbergen können. Diese Lösung bietet sich auch an, wenn die Protagonisten
sich verstecken müssen. Für die Umbauten sind solch hohe Teile allerdings problematischer.
Das gezeigte Bühnenbild von W. Goldschmidt und Carlo Moldenhauer ist die
Unterwasser-Landschaft aus 'Serafina, die kleine Seejungfrau'.
Unten noch zwei Beispiele aus zeitlich weit auseinander liegenden Kindertheaterstücken.
Rechts das Bühnenbild zu 'Urmel aus dem Eis' und links unten das Kinderzimmer aus 'Die Kristall-
prinzessin'.
Beim 'Urmel' wurde für die Südsee-insel Titiwu eine Mischung aus Vorhang (im Hintergrund)
und Bühnenbau (Felsen und Hütte) verwendet. Der Felsen ist tatsächlich eine halbrunde,
hohle Konstruktion (Bütt!), die von hinten betreten werden kann. Der Darsteller des
Seelefanten hatte ein Teilkostüm für den Oberkörper an. Sobald er sich von 'unten'
in die 'Bütt' einfädelte, entstand der Eindruck, das der Seelefant aus dem Wasser
auftauchend auf seinen Felsen kroch.
Fels und Hütte waren so konstruiert, das beide in relativ flache Pakete zu zerlegen waren.
Das Kinderzimmer von Tina Lohse bildete den Hintergrund für eine sehr
requisitenreiche Umgebung.
sämtliche Holzspielzeuge in diesem Bühnenbild sind
Entwürfe von Carlo Moldenhauer, und werden im Rahmen eines Projektes
in Darmstadt von Jugendlichen angefertigt.
Insgesamt waren auf der Bühne zu finden:
Ein Steckendrache, ein Schwing-Vogel, eine Stockente, eine Ziehente, eine Watschelente,
ein Teddybär, zwei Kissen, zwei bunte Decken, zwei Eimer, ein Wecker, zwei Schulranzen
und eine Taschenlampe.
Die aufwendigsten Vorhänge wurden im Stück 'Der kleine Muck' eingesetzt.
Wir schnitten die Leinwände zu, ließen sie von einer Schneiderin umsäumen und
mit Gewichten versehen, und schickten den ganzen riesigen Stoffhaufen nach Berlin.
Dort wohnte ein mit uns befreundeter Maler (Peter Schmidt-Schönberg), der
ein großes Studio zur Verfügung hatte.
Nach einigen Wochen erreichte uns dann die Rücksendung in aller Pracht.
Beide Bühnenbilder sind mit Blattgold überzogen, besitzen entweder Links
oder Rechts 'Eingänge', und werden bis auf den heutigen Tag von uns gehütet
wie ein Schatz.
|
Hardware -
Bühnenbildbau
Der Bühnenbau findet in aller Regel im Theater, auf der Bühne statt (ebenso wie die Malerei!).
Für das Schauspiel werden meist feste Wände mit Türen, Fenstern, Schränken gebraucht.
Die Türen müssen voll funktionsfähig sein, Schränke meistens, Fenster gelegentlich.
Damit diese Bühnenbilder umgebaut werden können, müssen sie nicht nur stabil sein, sondern auch leicht.
Natürlich könnte man einen Rahmen mit Stoff bespannen (haben wir auch schon getan); aber meist wackelt
dann beim ersten 'Türenschlagen' das Bühnenbild doch zu arg.
Daher bauen wir fast immer Wandelemente,
die zwischen Bühnenboden und oberer Führungsschiene eingeklemmt, oder über letztere 'eingehakt' werden
können. Das relativ massive Rahmenwerk wird dann mit Hartfaserplatten, oder ähnlichem verkleidet,
gegebenenfalls tapeziert, und bemalt.
Gelegentlich muß auch komplizierteres angefertigt werden. Dann arbeiten wir die Einzelteile zu Hause oder
in einer kleinen Werkstatt in Darmstadt aus. Die Teile werden dann auf der Bühne zusammengesetzt und endlackiert,
oder sie kommen komplett fertig auf die Bühne (z.B. Requisiten wie Tische, Grammophon!, usw.).
Wichtig ist immer, das Alles zerlegbar sein muß.
Und weil die Akteure (also auch wir 'Techniker') nach einer
Vorstellung keine Lust und Kraft mehr haben, wird vor der Vorstellung das Bühnenbild der vorherigen
Aufführung abgebaut, und das 'gültige' aufgebaut.
Die Bühnenabmessungen:
Breite 5,0m
(plus 2x0,5m Umlauf),
Tiefe 4m
(plus 0,5m Umlauf),
Höhe hinten 2,2m
(plus 0,12 Systemschiene)
Höhe seitlich 2,3m
(plus 0,12 Systemschienen).
In die Systemschienen können auf zwei Bahnen Vorhänge mit normalen Vorhangröllchen eingefädelt werden,
in der mittleren Bahn laufen die Vorhänge
mit den größeren System-Rollen. Da die Bühnenseiten und der Hintergrund
bei Bedarf schwarz sein müssen, hängt in der vorderen Rille ein schwarzer Molton-Vorhang.
In den verbleibenden zwei Rillen können nun bis zu vier Vorhänge laufen.
Zusammen mit dem Mittelvorhang und eventuellen Prospekten ergeben sich also bis zu sieben Szenenbilder (acht, wenn die Vorbühne genutzt wird).
Die Vorbühne kann - ebenso wie die Treppe - nach Bedarf ab- oder umgebaut und verschoben werden.
Der zeitliche Aufwand für alle Bühnenarbeiten liegt übrigens pro Theaterstück bei mehreren Wochen.
|
|